Passing Time


Passing Time
KWON Doohyoun

 

 

Zeit ist eine Aneinanderreihung von Gefühlen. Nicht von der messbaren Zeit sei hier gesprochen, die uns einen alltäglichen Rhythmus aufoktroyiert. Jener Zeit, die unseren Tag ungerührt taktet, die vom unerbittlichen Sekundenzeiger dominiert wird. Die Rede ist von der emotionalen Zeit, die unser Leben mal mit mehr, mal mit weniger Intensität erfüllt, jener Empfindung, die Momente zu dehnen und Dauer zu schrumpfen vermag. Die Hirnforschung hat uns gezeigt, dass es eine enge Verbindung zwischen Selbstwahrnehmung und Zeiterleben gibt. Diese Erkenntnis bildet die Grundlage zum Verständnis von KWON Doohyouns Werk.

 

Werfen wir einen Blick auf seine Arbeiten. Die Bildwelten des südkoreanischen Künstlers erregen allein schon aufgrund ihrer Vielfalt und Anzahl unsere Aufmerksamkeit. In nie überdimensionierten Formaten treten uns vor allem immer wieder Landschaften entgegen, wobei sich Hoch- und Querformate abwechseln. Die Quantität der malerisch aufwendigen Gemälde zeugt von einer ungeheuren Schaffenskraft, die Heterogenität der Malerei von einer ungebändigten Experimentierfreude. Da gibt es die eher abstrakten Bilder, bei denen sich Farbstreifen quer und bunt über das Bild ziehen. Andere wiederum lassen stärker eine Trennung zwischen einem hohen Himmel und der Erde erkennen. Wolken scheinen vorbeizuziehen, mal schemenhaft weich, mal mit stark expressivem Duktus gemalt. Der Himmel vibriert vor lauter Vitalität und Energie, der Boden dagegen ist seltsam ruhig und leer. Bei anderen Motiven dagegen reicht die Dynamik des Pinselstrichs über alle Bildbereiche. Ob Bäume, Menschen oder auch einfach nur geometrische Körper, die Erde ist hier belebt. Doch auch wenn wir Dinge in den Bildern erkennen und benennen können, scheinen sie von einem Schleier des Unpräzisen und Undefinierbaren überzogen. Das gilt auch für Gemälde, die so Konkretes wie Blumenvasen zeigen.

 

Betrachten wir uns das vielfältige Werk von KWON Doohyoun so realisieren wir, dass wir hier einen Künstler vor uns haben, der beständig nach dem entsprechenden Weg in seiner Malerei zum Ausdruck eines bestimmten Gefühls forscht. Hier kommt ihm die asiatische Eigenschaft zugute, sich durchaus auch unmittelbar und ohne Hemmungen Stile und Techniken anderer Künstler anzunehmen. So spürt man in manchen Werken seine Auseinandersetzung mit William Turner oder John Constable, entdeckt romantische, impressionistische aber auch expressionistische Ansätze oder meint Gerhard Richters Methode der Verschleierung zu entdecken. Dabei steht er den großen chinesischen Künstlern wie Wang Wie, Li Sixun, Li Ti wesentlich näher. Für diese Künstler zwischen dem 7. und 13. Jahrhundert war die Landschaft zum Ort der Vergeistigung geworden. Nie vor der Natur selbst erarbeitet, verdichtete sich die Landschaft zu reinen Vorstellungsbildern.

 

Alles – und das ist bedeutsam zu wissen – ist auch bei KWON Doohyoun aus der eigenen Imagination entstanden. Ob Blumen, Bäume, Menschen oder Landschaften, für nichts gibt es ein konkretes Gegenüber, das als Ausgangspunkt für die Malerei bezeichnet werden könnte. Seine emotional aufgeladenen Bilder richten sich unmittelbar an die erinnerte Landschaft, die zu jedem von uns spricht.

 

KWON Doohyoun zeigt uns in seinen kraftvollen Gemälden Emotionen in unterschiedlichen Aggregatzuständen. Er ist auf der Suche nach dem perfekten Bild. Ein Bild, indem er am idealsten ein bestimmtes Gefühl festhalten und an andere wiedergeben kann. Er tut dies meisterhaft, aber auch mit der Gewissheit, dass das Gefühl selbst flüchtig ist. Das entschwundene Gefühl markiert einen Zeitabschnitt, und die Erinnerung an die Emotion, die er in seinen Bildern evoziert, lässt die Zeit dehnen, lässt uns in der Zeit reisen. Was wir in seinen Bildern finden können, ist nichts Geringeres als uns selbst.

 

 

Christian Schoen